Premiere des Klassenzimmertheaterstücks „Krieg“

Am 18. März sitzen die Schülerinnen und Schüler der 8a in ihrem Klassensaal und schauen gebannt Richtung Tafel: Die Premiere des Klassenzimmerstücks „Krieg – Stell dir vor, es wäre hier“ findet bei uns an der IGS Goetheschule statt. Auf dem Pult sitzt die Pfalztheater-Schauspielerin Elif Esmen. Unter dem Pult liegen ein alter Fußball und ein großer, blauer Plastiksack. Zwei, vielleicht drei Minuten schaut Esmen in die Gesichter der Jugendlichen. Dann beginnt sie. „Wenn hier bei uns Krieg wäre, wohin würdest du gehen?“ fragt Esmen die Schüler. Es folgt die dramatische Schilderung eines Rakteneinschlags in das Haus ihrer Familie, von dem nach dem Angriff nur noch der Keller erhalten ist. Und schon sind alle mitten in der Geschichte. „Was würdest du mitnehmen?“ Wieder spricht sie die Schüler direkt an.

In der folgenden halben Stunde entführt Esmen die Achtklässler in dem von Janne Teller konzipierten Klassenzimmer-Theaterstück nach dem Zusammenbruch der Europäischen Union Krieg zwischen den einzelnen Staaten herrscht und die Demokratie als Staatsform nicht mehr existiert. Die Schwester der Protagonistin wird von Granatsplittern getroffen, ihr großer Bruder verliert durch eine Mine drei Finger. Ihr bester Freund und ihr kleiner Bruder werden vom Geheimdienst abgeholt. Heckenschützen sind eine tagtägliche Gefahr auf dem unvermeidlichen Weg mit dem Wassereimer zur einzigen Wasserquelle. Ihre Familie reduziert sich auf die Zahl „5“, die für fünf Flüchtlinge steht.

Nur noch im Nahen Osten herrscht Frieden. Doch es gibt kein Land, das sie „dekadenten Menschen aus dem Norden“, die nicht Arabisch sprechen und nur Papier umdrehen können, aufnehmen will. Schließlich gelingt der Familie der Protagonistin mit einem der Flüchtlingstransporte die Flucht nach Anatolien, während ihr Bruder zurück bleibt, um mit der Miliz gegen die Griechen zu kämpfen. Die Pfalztheater-Schauspielerin lässt die Schüler in die Welt der Flüchtlingslager eintauchen, eine Welt, die von dem täglichen Kampf um die nackte Existenz geprägt ist und in der Frage wie die Anerkennung des Asylantrags für die eigenen Zukunftsaussichten absolut zentral sind. Immer wieder bezieht Esmen die Schüler in das Theaterstück ein. Einmal tauscht die Schauspielerin ihren vom Roten Kreuz gestellten alten Pulli, den sie gerade aus dem blauen Plastiksack gezogen hat, gegen den neuen Pulli einer Schülerin, ein anderes Mal fordert sie einen Schüler auf, mit ihr Fußball zu spielen, um der Langeweile im Flüchtlingslager zu entkommen.

Nach zwei Jahren erhält die Familie schließlich Asyl in der Türkei. Sie lebt jetzt befristet in einer kleinen Wohnung und muss sich ohne Sprachkenntnisse und ohne festen Arbeitsplatz durch Kuchenverkauf und Putzen durchs Leben kämpfen. Beleidigungen durch Einheimische und eine „Behandlung als Mensch 3. Klasse“ sind an der Tagesordnung. Die Fremdheit in dem neuen Land, das der Familie Asyl gewährt hat und in dem die Familie auch in Zukunft leben wird, bestimmt auch den Schluss des Stücks, da ach nach Ende des Krieges in Europa der Traum von der Rückkehr in die alte Heimat nicht zu verwirklichen ist.

„Der Bezug zu Ereignissen der Gegenwart und der Perspektivwechsel, den die Schüler während des Stückes vollziehen müssen, sind zentrale Zielsetzungen des Theaterstücks, erläutert Dramaturgin Melanie Pollmann im Anschluss an die Aufführung, weshalb sich das Pfalztheater für das Klassenzimmerstück von Janne Teller entschieden hat.

Noch ganz unter dem Eindruck des Stücks und des starke Emotionen freisetzenden Spiels von Elif Esmen nutzen die Schüler die Gelegenheit zur Nachbesprechung mit der Dramaturgin. In zahlreichen Fragen und Beiträgen reicht das Spektrum der angesprochenen Themen von der politischen Aktualität des Stücks über die Art der Inszenierung bis zur Biographie der Schauspielerin. Ein starkes Stücke, ein starker Theatervormittag an der IGS Goetheschule. Wir waren begeistert, die Premiere des Stücks bei uns erleben zu dürfen!

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